In solchen Geschichten findet man sich wieder und ich denke, diese könnte zur Veröffentlichung eine positive Wirkung vor allem auf alle die haben, die in der Nähe dieser Zeit großgeworden sind.
Ursel sage ich das, doch ich denke, sie nimmt es mir nicht übel, dass ich diese Möglichkeit für die Veröffentlichung Ihrer Geschichte ergriffen habe. Warum ich mir so sicher bin? Immerhin habe wir gemeinsam das zweite Schuljahr der Dittesoberschule in Zwickau nicht in diesem Gebäude verbracht, sondern in der Neuen Welt – den Räumen oberhalb der Harzer Kneipe. Der typische Alkohol- und Toilettengeruch, den wir über den Treppenaufgang in uns aufnehmen mussten, hat uns für das gesamte leben Zusammengeschweißt!
Übrigens, ich bin Uwe und schreibe derzeit an einer Broschüre zu den Bergkellern.
Hier aber nun die Geschichte einer lieben Zwickauerin:
Leben in Pölbitz
1953- 1974
Mein erstes Vierteljahr habe ich in der Johannisstraße 39 verbracht.
Die Gegend um dieses Eckhaus nahe dem Johannisbad mit Blick auf den Johan-nisgarten am Schlobigplatz hat Bernd Lutz Lange viel besser beschrieben als ich das je könnte.
Im April 1953 bezogen meine Eltern mit mir und den Kindern meiner Mutter die Par-terrewohnung in der Leipziger Straße 124. Fünf Personen in „Stube, Kammer, Kü-che“ ohne Bad mit Plumpsklo auf der halben Treppe kann sich heutzutage niemand mehr vorstellen. Das Haus ist das niedrigste in Reihe zwischen der Rosa- Luxem-burg-Straße und der sogenannten Spielstraße, die die Leipziger Straße und die Freiligrathstraße verbindet.
Auch wie unsere Wohnung im Parterre des Hauses befanden sich zu dieser Zeit eine Schusterwerkstatt und ein kleines Schuhgeschäft.
Vom Wohnzimmerfenster aus, schauten wir damals noch auf das Ruinenfeld der, im Krieg zerstörten Häuser der Leipziger Str. 81-93.
Das Hochwasser 1954 habe ich zwar miterlebt, kann mich aber natürlich nicht an die Zeit erinnern, als ich eineinhalb Jahre alt war. Meine Eltern haben mir erzählt wie mein Bruder mit seinen Freunden per Schlauchboot das Nuckel rettete, das ich in die Fluten geworfen hatte.
Für die Erwachsenen war das wohl nicht so lustig. Meine Mutter hatte Kohlen, Kar-toffeln und Einweckgläser aus dem Keller hochgeschleppt und in der Küche auf-bewahrt. Zu unserer Haustür führten drei Stufen insgesamt etwas über einen Meter hoch. An einem großen Trümmerbrocken gegenüber beobachtete mein Vater das Ansteigen des Wassers. Er hatte festgestellt, dass Trümmerbrocken und Haustürstu-fen die gleiche Höhe hatten. Hätte da Wasser den Trümmerbrocken überflutet, wäre das auch in unserer Wohnung passiert. Wir blieben knapp verschont. Mit ca. 4 Jah-ren, also 1957 begann ich auf einem Dreirad Pölbitz zu erkunden. Mein damaliger Aktionsradius hätte mir bei meinen Kindern später, den Angstschweiß auf die Stirn getrieben.
Die Grenzen waren ungefähr das Gelände der ehemaligen Molkerei, auf alle Fälle die Leipziger Straße und der Muldendamm sowie die Wiese, auf der sich später das Arbeitsamt befand. Die Leipziger Straße habe ich nie überquert. Auf dem Mul-dendamm musste ich mich schon mal umschauen.
Die Kleingartenanlage „Muldenaue“ war meistens abgeschlossen. Hin und wieder konnte ich aber doch hineinhuschen. Einen Spielplatz gab es dort nicht aber in ei-ner Ecke ein winziges Zierbeet außerhalb der Gärten. Das fand ich damals so schön, dass ich mich noch heute dran erinnere.
Viel häufiger ging ich in die Gartenanlage „Schreberfreunde“ Einmal und wirklich nur einmal, habe ich an einem Gartenzaun zwei unreife Johannisbeeren geklaut … und bin natürlich beobachtet worden, was zu einem wochenlangen schlechten Gewissen führte. Meistens war ich jedoch schaukeln während mich das Kinderka-russell und die Rutsche weniger interessierten.
Im Sommer 1957 war es lange sehr heiß. Mehrfach durfte ich deshalb mit meinen Eltern abends dort im Freien vor der Gartenkantine sitzen und auch eine Fassbrau-se oder sogar einen Schluck Malzbier trinken.
Jetzt im Rückblick erstaunt mich die Vielzahl der kleinen Geschäfte jeglicher Art, obwohl es doch in der DDR „nischt gab“.
Im Nachbarhaus, der Hausnummer befand sich eine Bäckerei, erst von Schneiders, dann von Kellers geführt. Wir hatten davon eine warme Wand im Schlafzimmer aber auch jede Nacht das klappernde Geräusch der Bäckereimaschinen.
In unmittelbarer Nähe befanden sich Ecke Kurt-Eisner-Straße/Leipziger Straße die Gebäck-HO, die die Ware angeliefert bekam, ein Bäcker gleich am Anfang der Stra-ßenzeile zwischen Rosa-Luxemburg-Straße und Clement-Gottwald-Straße sowie ein weiterer an der Ecke Rosa-Luxemburg-Straße/ Freiligrathstraße. Ebenso erinne-re ich mich an mindestens zwei Fleischer, zwei Fischgeschäfte, zwei Milchgeschäf-te und mehrere Friseure. Nicht zu vergessen zwei Geschäfte, die immer noch Kolo-nialwarenladen genannt wurden. So viele kleine Läden, größtenteils in privater Hand, sind heute undenkbar.
Im Nachbarhaus führte eine Frau Liebig ein kleines Gemüsegeschäft, das später natürlich auch eine HO wurde. Weil ich noch ein Kind war, kann ich nicht beurtei-len zu welcher Zeit das Angebot besser war. An der Ecke Rosa-Luxemburg-Straße/
Leipziger Straße verkaufte erst Herr Lorenz, später Herr Habicht neben anderen Ta-bakwaren auch für meinen Vater die „Diplomat“-Zigarren für dreißig Pfennige das Stück, Spirituosen und Limonade.
Im gleichen Haus befand sich auch der dunkle und etwas muffige Schreibwarenla-den von Frau Siegert. Keinen Herrn Siegert mehr- dafür gab es den „Freund“. Spä-ter hab ich den manchmal als Statist im Theater gesehen.
Zwischen der Kurt-Eisner-Straße und der Mühlpfortstraße war der Wismut-Handel mit einem Fleischer und einem Lebensmittelladen vertreten.
In den „Rappen“ war schon der Konsum eingezogen und es gab auch sehr bald Körbchen zur Selbstbedienung. Nur wenige Häuser weiter konnte man mit etwas Glück und Geduld (bis es reinkam) Lampen, Elektrogeräte und auch Glühlampen kaufen. Gegenüber im Kurzwarenladen gab es neben Garn und Knöpfen auch Nacht- und Unterwäsche, Handtücher, Geschirrtücher und sogar ein paar Stoffbal-len. Kurz gesagt gab es in jedem Parterre ein Geschäft. Ich glaube, es war schon kurz vor meinem Schulanfang, als die moderne Molkerei an der Ecke Kurt-Eisner-Straße/Franz-Mehring Straße eröffnet wurde. Wie das funktionierte, als es in den ersten Jahren noch Lebensmittelmarken gab, weiß ich nicht mehr. Die ganz moder-ne schicke Ausstattung mit so einer Art Pumpsystem für verschiedene Milchsorten war nur ganz selten in Betrieb, hat mich aber mächtig beeindruckt. Später wurden die einzelnen Geschäfte beinahe täglich abgeklappert. Irgendetwas war ja immer Mangelware. Eine große Rolle spielte für meine Mutter auch die wechselnde Sym-pathie für das jeweilige Verkaufspersonal.
Für mich als Vorschulkind gab es auch noch andere spannende Dinge zu entde-cken.
Die große Wäsche wurde in die Wäscherei Kalusche im Hintergebäude der Leipzi-ger Straße 99 gebracht. Es roch ganz eigenartig nach Waschmittel und an die riesi-gen altmodischen Waschmaschinen wäre ich auch ohne die Verbote und Warnun-gen meiner Mutter und Herrn Kalusches nicht näher rangegangen. Im Sommer trocknete die Wäsche dann im Wäschegarten hinter unserem Haus, der natürlich für Kinderspiele und jegliche Freizeitgestaltung absolut tabu war. Den betonierten Hinterhof zwischen Wäschegarten und Wohnhaus verdüsterte noch das Wasch-haus und in der anderen Ecke befand sich der Schustergarten. Diese Hofecke war eingezäunt, Unkraut überwucherte Schusterabfälle und ein Holunderbaum hielt der massiven Umweltverschmutzung erstaunlich lange stand.
Mit der trockenen Wäsche ging es einem weiteren Höhepunkt entgegen. ich erinne-re mich an die Wäschemangeln in verschiedenen Hinterhöfen. Eine in der Nähe der Glaserei Patzig& Westphal, besser kann ich mich aber an Frau Rast an der Ecke Rosa-Luxemburg-Straße/Franz-Mehring Straße erinnern. Fasziniert schaute ich dem rumpelnden Ungeheuer zu, das immer irgendwie gefährlich wirkte.
Zu jeder Zeit beeindruckt haben mich die Erledigungen in der Sozialversicherung.
Zu Zeiten als meine Mutter dort die Halbwaisenrente für ihre Kinder abholte wirkte es ungeheuer wichtig auf mich, später, als ich für meine Eltern manchmal die Rente abholen musste so schön nostalgisch und heute , es beherbergt noch immer die AOK, weiß ich es als Architekturdenkmal zu schätzen.
In den ersten Jahren in der Leipziger Straße donnerten noch in jeder Nacht oder am späten Abend oder Frühen Morgen die sargförmigen Wismut-Kipper über das Kopf-steinpflaster. Beinahe ebenso laut, aber wohl weniger gefährlich war die Straßen-bahn. die ich als Kind eher interessant als störend empfand.
Die Bahnen der Linie 3 waren ältere Modelle. Sie fuhren auf dem Weg vom und zum Depot an unserem Fenster vorbei, quietschten besonders laut und bei etwas Frost waren sie beinahe schon zu hören, wenn sie am Neumarkt in die Leipziger Straße einbogen. Die Straßenbahnen der Linie 4 waren etwas moderner. Sie bremsten allerdings mit einem besonderen Geräusch vor unserem Fenster wegen der nahen Haltestelle Kurt-Eisner-Straße schon langsam ab.
Während in unserem Haus die Söhne und Töchter schon beinahe oder überhaupt erwachsen waren, fand ich in der Nachbarschaft einige Sandkastenfreundschaf-ten.
Im Hinterhof des Hauses Nr. 128 hatte die Fleischerei ein Schlachthaus.
Über diesem nicht gerade angenehmen Erdgeschoss wohnte eine vielköpfige Fa-milie, einer der Söhne war in meinem Alter.
Eine Möglichkeit das Ruinengrundstück nebenan, auf dem später das Gebäude der Edelschmiede gebaut wurde, zu erkunden fanden wir leider nicht.
An das flache Fabrikgebäude hinter den Wäschegärten unseres und der Nachbar-häuser kann ich mich noch erinnern, nicht aber daran, ob es sich noch um die „Zwickauer Luxuskartonagen- und Etuifabrik Erich Weigel“ oder schon die „Zwick-auer Edelschmiede“ handelte.
Das Haus Nummer 132 war „was Besseres“. Schon in der Bauweise glich es eher einem Neubau. Es gab Kinderzimmer und Bäder, beides natürlich im Puppenstu-benformat, weil sich auf jeder Etage drei Wohnungen befanden. Im Wäschegarten hinter diesem Haus durfte ich mit Frank und Christian spielen. Leider verloren wir uns nach dem Schulanfang bald aus den Augen. Bis heute weiß ich nicht warum die Beiden in die Pestalozzischule gingen.
Viele spannende Dinge für ein Vorschulkind konnte ich sehen, wenn ich nur aus dem Fenster im Wohnzimmer schaute.
Anfangs das Ruinengelände. Auf einem kleinen freien Platz stand da zwei oder drei Mal ein Kinderkarussell. Ich glaube meine Oma hat mich nachmittags zum Fah-ren begleitet, zuschauen konnte ich den ganzen Tag.
Dann wurden die Neubauten errichtet. So richtig mit ein Stein, ein Kalk, ein Bier, Gerüsten und fast jeden Tag neuen Sehenswürdigkeiten. Das Wichtigste habe ich dann wegen einer Urlaubsreise zum größten Teil verpasst. Die Neubauten waren etwas zurück gesetzt und an der Wand des Eckhauses wurde ein Fresko ange-bracht. Dunkelrot und grün, Arbeiter mit charakteristischen Mützen, zwei Leute mit Mappen unter dem Arm, die wohl Studierende darstellen sollen und ein ganz klei-nes Bäumchen. Sozialistischer Realismus in seiner reinsten Form. Heutzutage, nach der Sanierung der Neubauten, ist es zum unauffälligen Relief geworden. Mit der Einschulung am 1. September 1959 hat sich mein Gesichtskreis enorm erwei-tert.
Um in die Dittesschule zu gelangen, musste ich nun sogar täglich die stark befah-rene Leipziger Straße überqueren. Ich hab‘s zehn Jahre lang unfallfrei geschafft.
Die Schule war alt, muffig und im Rückblick offensichtlich total überfüllt. Zu dieser Zeit hat mich das nicht gestört. Rennen und Toben war im gesamten Schulgelände verboten. Zur Hofpause wurde im Kreis gelaufen. Im Sommer wurde der Sportunter-richt auf jeder denkbaren Freifläche, selten auf dem gegenüberliegenden Ernst-Grube-Sportplatz durchgeführt.
In der zweiten Klasse kam es dann noch besser. Unterricht in der „Neuen Welt“. Nein, nicht im Saal. Im Hintergebäude befand sich die Harzer Kneipe. Die 1. Etage war mit Sauerkrautplatten in drei Klassenräume, einen Vorbereitungsraum für die Lehrer und einen dunklen Korridor aufgeteilt. Den Kneipenmief im Hausflur und in den Toiletten werde ich wohl nie vergessen. Ebenso erinnere ich mich aber auch an den Heimatkundeunterricht bzw. Unterrichtsgänge in den damals ziemlich ver-wilderten Park. Direkt in die Dittesschule gingen wir noch zweimal wöchentlich zum Nachmittagsunterricht und zum Sportunterricht.
So wie sich in den folgenden Jahren mein Aktionsradius auf ganz Zwickau erweitert nehmen auch spezielle Erinnerungen ab und der Kontakt zu diesem Stadtteil wird erst viele Jahre später wieder enger.